Die Siebziger: Bildungsreform mit mehr Demokratie

Oder sind die Russen schuld an den Oberstufenzentren? In den späten fünfziger Jahren platzierte die Sowjetunion den ersten Satelliten im Weltraum. Der erste Mensch, der die Erde umrundete, war Juri Gagarin, ein Russe. Gehen die Reformen in der Bildung auf den Sputnik-Schock zurück, der angeblich eine „Weltbildungskrise“ auslöste? 1969 hob die Regierung Brandt/Scheel „Bildung und Ausbildung, Wissenschaft und Forschung“ in ihrer Regierungserklärung auf  Platz eins. Der deutsche Bildungsrat forderte Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung sowie wissenschaftsorientiertes Lernen auch in den beruflichen Schulen. Auf den Reformdruck der 60er, der durch die Studentenbewegung im Inneren forciert wurde, folgte das Reformklima der siebziger Jahre.

Im Einzelnen wurde von der OSZ-Konzeption angestrebt:

  • den theoretischen Unterricht auszuweiten und zu modernisieren;
  • den Anteil an Allgemeinbildung in der Berufsbildung zu verstärken;
  • berufliche Grundbildung breit anzulegen (Berufsgrundbildungsjahr);
  • die Berufsentscheidung durch eine gestufte Berufswahl zu verbessern, beginnend mit der Entscheidung für ein Berufsfeld;
  • die Doppelqualifizierung und Doppelprofilierung mit berufs- sowie studienqualifizierenden Bildungsinhalten in einem Abschlussprofil (Gymnasiale Oberstufe, Fachoberschule) einzurichten;
  • die Lernprozesse zu individualisieren durch ein differenziertes Lernangebot, moderne Unterrichtsformen und verstärkten Medieneinsatz;
  • die Durchlässigkeit zwischen allen Bildungsgängen durch eine curriculare Vernetzung zu gewährleisten.

Berufliche und allgemeine Schulen sollten in der Übergangszeit eng zusammenarbeiten. Die Ravené-Oberschule, ein Gymnasium wirtschaftswissenschaftlicher Prägung, sollte fortan mit drei gewerblich-technischen Berufs- und Berufsfachschulen kooperieren. Praxisbezogen, aber auf hohem theoretischem Niveau, sollten Fächer wie Technologie oder Wirtschaftswissenschaft für die Reifeprüfung nutzbar gemacht werden. Eine Armada von jungen Bildungsplanern in der OSZ-Planungsgruppe machte sich an die curriculare Umsetzung. Die wichtigen Akteure wie Karl-Christian Gerke, Uli Richter und Peter Grützmann waren gerade Mitte 30, als sie die Zukunft der Beruflichen Bildung als Oberschulräte zu lenken begannen.

Bauplanung und Curriculumentwicklung lagen in einer Hand, Lehrerinnen und Lehrer planten also konkret ihren zukünftigen Arbeitsplatz. Über Jahre hinweg finanzierte der Berliner Senat diese Kombination von Schulentwicklungsarbeit. 27 schwerpunktbezogene Planungsgruppen mit Lehrkräften modernisierten die Beruflichen Schulen. Genau sieben Jahre nach dem Startschuss, am 12.9.1979, konnte Schulsenator Rasch die ersten sechs Oberstufenzentren ihrer Bestimmung übergeben. Trotz einiger Abstriche war Berlin einen Riesenschritt vorangekommen. Das OSZ Berlin zog hinsichtlich seines Ausstattungsstandards mit dem Gymnasium gleich und nahm fortan in Deutschland eine Spitzenstellung ein.